Prolog

Etwas zu vergessen ist vollkommen normal. Jeder stand bereits an der Kasse eines Supermarktes und bemerkte, dass er nicht alle gewünschten Lebensmittel beisammen hat, in einem ärgerlichen Fall läge dann auch noch der Geldbeutel im Auto. Geburtstage werden vergessen und lassen deine Mitmenschen eine gewisse Wertschätzung vermissen. Manchmal vergisst man den Regenschirm und weiß nicht mehr, wo und wann man ihn zuletzt hatte. Oder eine Jacke. 

Was man allerdings nicht vergessen sollte ist…. einfach alles. Wenn ich versuche mich daran zu erinnern, was gestern passiert ist oder an den Tagen zuvor oder gar mein ganzes Leben lang… so ist dort nichts als Leere. Wo komme ich her? Wer bin ich?

Es ist ein schreckliches Gefühl eine derartige Stille in sich zu spüren, als hätte das Denken vor ein paar Sekunden zum ersten Mal eingesetzt. 

Dort war ich nun und fühlte mich wie ein Neugeborenes, das von der Natur gerade seine Sinne geschenkt bekommen hatte. Das erste, das ich wahrnehmen konnte war mein Körper, der sich schwer und kalt anfühlte. Es fiel mir schwer meine Glieder zu bewegen, doch ich schaffte es meine Finger ein wenig zu krümmen. Ich roch feuchte Erde und spürte sie im nächsten Moment auch auf meiner Haut. Langsam öffnete ich meine Augen und hebte meinen Kopf. Ich lag auf dem nassen Boden, über mir ragte eine Brücke auf. War ich hinunter gestürzt? Ich versuchte mich aufzusetzen. Offenbar hatte ich mir nichts gebrochen, zumindest konnte ich meinen Körper ganz normal bewegen. Benommen sah ich mich um. Die sanften Wellen des Flusses leckten am steinigen Ufer. Ob ich von der Brücke in den Fluss gefallen war, fragte ich mich und sah an mir herunter. Meine Kleidung war feucht und schmutzig, es könnte also durchaus sein, dass ich von der Brücke gefallen war. Doch wieso? Was war passiert? 

Langsam komme ich auf die Beine, das Gefühl kehrt in meine Glieder zurück. Ich zittere, der kalte Wind nagt an meiner feuchten Haut. Wo geht man hin, wenn man nicht weiß woher man ist, wenn man keine Vergangenheit hat? Das Zirpen der Grillen klang wie ein ohrenbetäubender Schrei in meinem Kopf und gelegentlich war ein Auto zu hören, das über die Brücke fuhr und ein schmerzhaftes Donnern in meinem Schädel zurückließ. Ich hielt mir die Stirn, versuchte taumelnd der Nacht zu entrinnen. An der Straße klammerte ich mich zunächst an die nächste Straßenlaterne und versuchte mir einen Überblick zu verschaffen. Ringsum war nichts zu sehen – ich stand auf einer Brücke im Nirgendwo. Was hatte ich hier verloren mitten in der Nacht? 

“Radu.” 

Ich blickte mich um und plötzlich stand direkt vor mir ein Mann. Mein Herz schlug plötzlich wie wild, ich stolperte nach hinten, verlor die sichere Umarmung der Straßenlaterne und stürzte zu Boden. Erschrocken starrte ich zu ihm hoch. Das Alter des Mannes vermochte ich nicht zu schätzen. Er war vermummt, lediglich die Augen und die Stirn waren unter der Kapuze und dem Halstuch zu sehen.”Radu.”, wiederholte der Mann noch einmal. Ich hielt es zunächst für eine Begrüßung und war einen Moment unsicher, ob ich mich überhaupt noch an meine Muttersprache erinnern konnte oder gar ob ich überhaupt in der Lage sei eine Sprache zu sprechen. Zwischen Schock und Verwirrung versuchte ich den Mund zu öffnen und zu antworten. Aus meinem Hals drang allerdings nur eine Mischung aus Gurgeln und Krächzen, also schloss ich ihn wieder und beschränkte mich auf stummes Starren. Der Mann streckte mir eine Hand entgegen und ich ließ mir aufhelfen. Ich war mir unsicher, ob ich den Mann kannte oder ob er rein zufällig vorbeigekommen war. Die Selbstverständlichkeit die er an den Tag gelegt hatte als er mich ansprach und die Art wie er mich ansah ließ darauf schließen, dass wir uns nicht zum ersten Mal begegneten. Ich fühlte mich…. seltsam in seiner Gegenwart. Dort war ein Gefühl in mir drin, dass ich nicht richtig deuten konnte. 

Der Mann sah mir direkt in die Augen, sein Blick war unergründlich. “Wir sollten hier weg”, sagte er. Ich rieb mir meine kalten Arme und nickte. Ohne ein weiteres Wort dreht der Mann sich um und ging von der Brücke. Alternativlos und zitternd folgte ich ihm bis wir zu einem Auto kamen, das in einem Feldweg geparkt war. Ich blickte den Mann an, um herauszufinden, ob ich einsteigen sollte,doch er blickte mich nicht an und öffnete den Kofferraum. Dann kam er hinter dem Auto wieder hervor. “Steig ein”, befahl er mir nur. Ob es wirklich eine gute Idee war bei ihm einzusteigen? Ich kannte ihn nicht, zumindest konnte ich mich nicht an ihn erinnern, doch was sollte ich stattdessen tun? Ich kannte letztendlich niemanden, nicht einmal mich selbst. Dieser Mann war im Moment meine einzige Möglichkeit. Unsicher bewegte ich mich zur Beifahrertür und streckte meine Hand aus um sie zu öffnen. “Nein. Hinten, du bist schmutzig. Ich lass dich bestimmt nicht auf einen meiner Autositze.” Er trat auf mich zu und schob mich etwas unsanft nach hinten und deutete auf den Kofferraum. Als ich keine Anstalten machte mich zu bewegen, zuckte er mit den Schultern. “Du kannst auch hier bleiben.” Er verschränkte die Arme vor der Brust. Ich wägte die Optionen ab und kam zu dem Schluss, dass alles besser sei als auf einer einsamen Brücke zu stehen. Schicksalsergeben kletterte ich in den Kofferraum und kehrte dem Fremden den Rücken zu. Die Heckklappe schlug zu und verschluckte die Nacht und ihre Geräusche. Einen Moment lang war es still, dann folgte das monotone Brummen des Motors. Ich schlang die Arme um meinen Körper und zog die Beine an die Brust. Ich fühlte mich so leer, doch bevor ich versuchen konnte in meinem Kopf nach Erinnerungen zu kramen oder meine Gedanken zu sortieren, erlag ich meiner Erschöpfung und schlief ein.