Der Khajiit von Saint Delyn

Es war Markttag und Nehrina befestigte einen kleinen Wagen an dem stärksten Guar aus der Herde. Sie würde nach Vivec fahren und Besorgungen für den Stallmeister machen. Für gewöhnlich waren es einfache Botengänge, nichts mit besonderer Verantwortung. Meistens holte sie Futter, Materialien oder überbrachte Nachrichten. Nehrina vermutete, dass sie deshalb diese Aufgabe übertragen bekommen hatte. Die anderen Khajiits waren oft am Verkauf der Reittiere beteiligt, während Nehrina niemals dazu aufgefordert wurde. Der Stallmeister traute ihr wohl nicht zu, dass sie im Verkauf arbeiten könne. Ein wenig Verbitterung regte sich in Nehrina. “Ich habe Proviant für dich.” Es war nur ein leises Schnurren und Nehrina blickte überrascht über die Schulter. Hinter ihr stand Vanra, ihre Schwester. Sie war etwas kräftiger als Nehrina und trug ihren Haarschopf kurz geschoren. Sie überreichte einen Korb mit Küchlein. Nehrinas Augen begannen zu strahlen “Danke!” Freudig nahm sie den Korb entgegen und verstaute ihn im Karren. Ein angenehmer Geruch von Beeren ging von ihm aus. Sie waren wohl noch warm. “Kuchen von Vanra isst diese am liebsten”, schwärmte sie und überprüfte noch einmal die Riemen. Vanra blickte verlegen weg und lächelte. Sie war recht schüchtern, weshalb Nehrina manchmal daran zweifelte, ob sie wirklich verwandt waren. Die Kochkünste von Vanra waren nicht zu übertreffen, das hatte sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt. Die Verbitterung konnte dem Duft der Kuchen nicht standhalten und verzog sich, um wieder der Freude Platz zu machen. Was machte es schon, dass sie nie im Verkauf arbeiten durfte? Was könnte es schöneres geben als vom Hof wegzukommen und etwas anderes zu sehen als Wiese, Ställe und Zäune? Nehrina streichelte den Guar und nahm die Zügel, um das Tier zu führen. Mit einem letzten liebevollen Blick auf ihre Schwester ging sie mit dem Guar im Schlepptau vom Hof und betrat die Straße nach Vivec. Als sie den steinigen Weg betrat musste sie an den seltsamen Reisenden denken. Wohin ihn seine Reise geführt hatte? Nach Vivec oder in die andere Richtung? Wie viele von seiner Sorte waren heute bereits auf diesem Pfad gewandelt? Nehrina atmete tief durch, sog die Luft ein als würde sie auf ihr eigenes Abenteuer aufbrechen. In ihrer Fantasie verschwand der Wagen und wurde durch Reisetaschen ersetzt, die an einem Sattel auf dem Rücken des Guars befestigt waren. Mit federnden Schritten und gut gelaunt tänzelte Nehrina der Stadt entgegen.

Vivec war eine recht kleine Stadt, die hauptsächlich aus künstlichen Inseln bestand. Auf dem Festland, vor dem Herzen Vivecs, befand sich der Markt und der Handwerkermarkt mit direkten Anschluss an den kleinen Hafen. Nehrina band den Guar ein wenig abseits an und schlendert gelassen über den gefüllten Marktplatz. Hier tummelten sich die vielfältigsten Händler, jeder Stand lockte mit anderen Waren. Wie jeden Tag waren auch heute viele Reisende in der Stadt, die sich um die Schmiede und um die Bank tummelten. Es war nur schwer an ihnen vorbei zu kommen und Nehrina versuchte sie überwiegend zu meiden und wählte einen umständlichen Weg, um zum Schneider zu gelangen. “Hallo, meine Freundin!” Der Schneider kam mit offenen Armen freudestrahlend auf sie zu. Nehrina verneigte sich höflich. “Auch diese wünscht Euch einen guten Tag. Ich bin hier um unser Leder abzuholen.” Der Händler nickte. “Aber natürlich. Ich habe schon mit dir gerechnet und die besten Stück beiseite gelegt.” Nehrina folgte dem Mann zu seinem Stand. Er kramte unter der Werkbank in einer Kiste und wuchtete den ersten Stapel Leder auf den Tresen. Mit einer Handbewegung lud er Nehrina dazu ein die Ware zu prüfen. Vorsichtig strich sie über das Leder. Sie mochte den Geruch. Eingehend prüfte sie die Stücke, wendete sie und betrachtete sie ganz genau. “Ihr habt euch selbst übertroffen.”, sagte sie nach einer langen Zeit und hob ihren Blick. Der Schneider lächelte zufrieden. “Nur das beste für euch!” Zufrieden beobachtete er Nehrina, wie sie die Stücke bewunderte, dann wurde er etwas nervös und rieb seine Handflächen aneinander. “Ich hoffe doch, dass ihr… trotz der Umstände auch in Zukunft bei mir kaufen werdet.” Nehrina zuckte mit den Ohren. “Umstände?”, wiederholte sie verdutzt. Die Handflächen des Mannes hielten inne und er dachte einen Moment nach, während er sie unverwandt anstarrte. “Er hat es dir gar nicht erzählt.” Nehrina stemmte die Hände in die Hüfte und legte den Kopf schief. “Dieser was erzählt?” Dem Schneider schien die Situation äußerst unangenehm zu sein, er wich Nehrinas Blick aus und begann erneut seine Handflächen aneinander zu reiben. Er machte nicht den Eindruck, als würde er ihr etwas erzählen wollen. Entgegen der Neugierde musste Nehrina sich eingestehen, dass es vermutlich auch nicht klug war allzu forsch zu wirken. Für eine Bedienstete gehörte sich das nicht und genau genommen war Nehrina sogar weniger als eine Bedienstete. Sie verschränkte die Arme hinter dem Rücken und lächelte ein wenig. “Verzeiht dieser ihre Neugierde. Diese möchte euch nicht in Schwierigkeiten bringen. Sie wird davon erfahren, sobald es sein soll.” Unbeirrt lächelte sie weiter und der Händler begann sich wieder wohler zu fühlen. Nehrina wollte wirklich nicht, dass dieser freundliche Mann in Schwierigkeiten kam, konnte allerdings nicht leugnen, dass die Neugierde an ihren Eingeweiden fraß und sie nicht mehr losließ.  Sie würde sich später in den Ställen umhören, um ihrer Neugierde gerecht zu werden. Nehrina zahlte eilig und lud die Ware auf ihren Karren. Der Duft der Kuchen von Vanra stieg ihr in die Nase und unmittelbar meldete sich ihr Magen zu Wort. Hungrig packte Nehrina die kleinen süßen Küchlein aus und leckte sich über die Lippen. Der Guar begann ebenfalls zu schnuppern. Nehrina wendete sich ab. “Du bist wirklich süß, kleiner Guar, aber diese wird nicht mit dir teilen!” Verzückt biss sie in den ersten Kuchen und schloss genüsslich die Augen. “Köstlich”, schnurrte sie und lehnte sich an den Karren. Plötzlich vernahm sie aufgebrachte Stimmen. Sie stellte die Ohren auf und lauschte. “Ich will dich hier nicht noch einmal sehen, Tier.”, knurrte eine raue Stimme. Sie kam von der anderen Seite der Bretterwand, neben der Nehrina den Guar gebunden hatte. Eine bekannte Stimme antwortete in einem ruhigen Ton. “Dieser hat nichts getan. Es gibt keinen Grund ihn zu bedrohen.” Die andere Stimme wurde ungehaltener und nur mit Mühe gedämpft gehalten. “Ich weiß, von wem du verfolgt wirst… unsere Insel will damit nichts zu tun haben! Verschwinde oder ich zieh dir das Fell über die Ohren!” Eine angespannte Pause entstand. “Wie Ihr wünscht.” Es klang mehr wie eine Drohung und nicht wie das Akzeptieren eines Wunsches. Schritte folgten. Bemüht beschäftigt zu wirken kramte Nehrina in ihrem Karren und tat so als würde sie das Leder befestigen. Als zwei Männer an ihr vorbei kamen, ließ sie den Blick gesenkt. Die Schritte entfernten sich wieder. Verstohlen warf sie ihnen einen Blick hinterher. Es waren keine Männer der Stadtwache, vermutlich nicht einmal Söldner. Sie wirkten heruntergekommen und wurden von einem beißenden Geruch begleitet. Beide Männer waren groß und breit gebaut und trugen beide jeweils eine Axt an ihren Gürteln, obwohl Nehrina sich sicher war, dass Männer von derartiger Statur auch mühelos ohne Waffen kämpfen konnten. “Neugieriges Kätzchen.” Nehrina zuckte zusammen und blickte zur Seite. Der Fässer schmusende Abenteurer stand hinter ihr, lehnte lässig an einer Säule und beobachtete sie. Nehrina war wohl derart in Gedanken vertieft gewesen, dass sie ihn gar nicht bemerkt hatte. “Wenigstens kann diese sich besser verstecken.”, entgegnete sie mit einem Grinsen und warf ihm ohne Vorwarnung den letzten Kuchen aus dem Korb zu. Verwundert fing er ihn auf und betrachtete ihn argwöhnisch. “Das kann man essen.” Nehrina lachte. “Außer diese wollte Euch vergiften. Einen schicken schwarzen Mantel könnte diese gut gebrauchen.” Sie machte elegant eine Drehung als würde sie einen unsichtbaren Mantel präsentieren wollen. Dann nahm sie die Zügel des Guars. “Wo seid Ihr untergebracht, wunderlicher Reisender?” Den skeptischen Blick noch immer auf den Kuchen gerichtet dachte er einen Moment lang nach. Dann sagte er: “Saint Delyn.” Er schnupperte an dem Kuchen und steckte sich ihn komplett in den Mund. “In der Stadt?”, fragte Nehrina aufgeregt und blickte zu den künstlichen Inseln. “Der Abenteurer scheint vermögend zu sein.” Abschätzend und neugierig blickte sie ihn von der Seite an. Der Abenteurer kaute lange auf dem Kuchen herum, kein Wunder, wenn man sich das gesamte Küchlein ins Maul schieben muss. Nehrina wartete geduldig. “Vorzüglich!” Der Abenteurer leckte sich die Krallen ab. “Die Schwester von dieser hat sie gemacht.” Nehrina klang ein wenig stolz. Der Abenteurer betrachtete sie aus unergründlichen Augen. “Saint Delyn kostet nichts.”, sagte er dann. Nehrina blickte zu den edlen Bauten hinüber und schüttelte ungläubig den Kopf. “Ihr versucht diese reinzulegen.” Er lachte. Es war ein schönes, tiefes Lachen. “Dieser lügt nicht. Es ist wahr!” Nehrina stemmte herausfordernd die Hände in die Hüfte. “Wo ist der Haken?” Der Abenteurer zuckte mit den Schultern. “Es gibt keinen.” “Es muss einen geben. Nichts ist kostenlos”, fügte sie verbittert hinzu. Er zuckte erneut mit den Schultern. “Wer zuerst kommt, darf dort wohnen. Allerdings ist in dem Zimmer kein einziges Möbelstück drin.” Nehrina grinste verschmitzt. “Also doch ein Haken”, stellte sie zufrieden fest. Sie ging an dem Fremden vorbei und wandte sich zum Gehen. “Ihr geht schon, neugieriges Kätzchen? Wo bleiben die vielen Fragen? Hat das Kätzchen doch kein Interesse mehr an Abenteuern?” Nehrina blieb stehen und blickte zu ihm zurück. “Diese hat noch eine Menge Arbeit.” Sie ging einen weiteren Schritt und blieb dann erneut stehen. “Außerdem ist der Name von dieser nicht >neugieriges Kätzchen<, sondern Nehrina. Ich bin kein kleines Kätzchen mehr.” Den letzten Satz sprach sie fast wie einen entrüsteten Protest aus. Dann ließ sie den Reisenden stehen und verließ Vivec.