Traumtänzerin von Vivec

Auf einem kleinen Hof in der Nähe von Vivec tummelte sich eine Gruppe von Guars um einen Futtertrog. Gebannt starrten sie auf das Heu, dass in den Trog geworfen wurde. Stolpernd versuchten sie einander beiseite zu schieben und machten dabei einen furchtbaren Lärm. “Ganz langsam, ja? Jeder kann ein wenig Heu haben”, gluckste eine junge Cathay und streichelte dabei einem Guar über die Schnauze. Ihr Name war Nehrina. Ihre strahlend blauen Augen blitzen aufgeweckt und ihr braunes, leicht gestreiftes Fell glänzte wunderschön in der untergehenden Sonne. Die Stiefel tief im Matsch versunken, lehnte Nehrina zufrieden am Zaun und beobachtete die Guars beim Fressen. “Steh nicht so herum,es gibt noch genug zu tun”, ertönt plötzlich eine Stimme über den Hof. Nehrina zuckte zusammen “Helle Monde!”, rufte sie aus und drehte sich herum. Der Stallmeister, ein muskulöser Dunkelelf mit hellem Haar kam ein wenig zerknirscht auf sie zu. “Es gibt hier nicht nur Guars. Füttere die Pferde, bevor es dunkel wird!” Erschrocken stieß sich sie sich vom Zaun ab und nahm den leeren Futtereimer in die Hand, bemüht den Stallmeister nicht anzusehen. Mit geducktem Kopf und ohne auch nur an Protest zu denken eilte Nehrina zügig über die Koppel auf die Ställe der Pferde zu. Bereits letzte Woche hatte der Stallmeister wütend einen Eimer nach ihr geworfen und sie als den faulsten Khajiit beschimpft, den er jemals gesehen habe. Kopfschüttelnd und immer noch finster drein blickend verschwand der Stallmeister wieder und Nehrina legte sofort ihren Eifer ab. Sie atmete tief durch. Sie war ohne Wutausbrüche und Verletzungen davongekommen, der Stallmeister musste wohl einen guten Tag haben. Summend schlenderte sie zum Stall, um auch den Pferden etwas zu bringen. “Nehrina darf nicht so viel trödeln bei der Arbeit. Sie bringt uns in große Schwierigkeiten”, schnurrte eine tiefe Stimme aus der Dunkelheit. Die gelben Augen verrieten Nehrinas Vater, der in der hintersten Ecke des Stalles stand und mit einer Mistgabel dabei war Heu zu stapeln. Etwas schuldbewusst legte die junge Khajiit die Ohren an. “Verzeiht dieser, Vater…” Moraska trat vor, sein schwarzes Fell machte ihn beinahe unsichtbar. “Du  bist eine Träumerin! Dieser weiß nicht, was er tun soll. Immer nur träumen und fröhlich sein. Das Leben ist mehr als nur naive Kindereien.” Nehrina verschränkte die Arme hinter dem Rücken und scharrte unruhig mit den Füßen über den Stallboden. “Was ist an fröhlich so falsch?”, murmelte sie etwas kleinlaut. Ihr Vater schüttelte bloß den Kopf und schob ihr einen bereit gefüllten Eimer zu. “Füttere die Pferde”, sagte er nur und machte sich weiter an die Arbeit. Nehrina tat wie ihr geheißen und als die Sonne untergegangen war, konnte sie ihre Arbeit niederlegen. Die Guar hatten sich mittlerweile beruhigt und lagen eingekuschelt in den Ställen. Stille kehrte auf dem Hof ein. Der Stallmeister und seine Angestellten legten sich schlafen, auch Moraska hatte sich bereits einen Platz auf einem Heuballen gesucht und sich zur Ruhe gelegt. Nehrina jedoch saß auf dem Zaun der Koppel und blickte zum Himmel empor. Die Monde schienen hell in dieser Nacht. Sehnsüchtig blickte sie in die Ferne. Am Hafen lagen einige Boote und schaukelten sanft hin und her. Wie gerne würde sich Nehrinas eines nehmen und auf eine Abenteuerreise gehen. Sie liebte die Arbeit in den Ställen und für einen Dunkelelf konnte der Stallmeister sehr freundlich sein, doch sie war neugierig auf die Welt und wollte sie für sich entdecken, außerhalb der Sklavenstädte und der täglichen Schufterei. Sie wusste, dass es dort draußen so viel mehr gab für eine Khajiit. Seufzend erhob sich Nehrina und ging langsam auf die Scheune zu, in der sie schlief. Sie warf einen letzten sehnsüchtigen Blick zum Sternenhimmel, bevor sie sich zu ihrem Lieblingsguar ins Heu kuschelte. Eines Tages würde sie mit ihm davon reiten und die Welt erkunden, da war sie sich sicher. Sanft streichelte sie das Tier an der Schnauze und schlief über den Träumen der zukünftigen Abenteuer ein. 

 

Das monotone Geräusch des Besens stimmte Nehrina nachdenklich. Die ersten Sonnenstrahlen berührten sanft ihr taubedecktes Fell und allmählich kehrte das Leben auf den Hof wieder zurück. Die Guars und Pferde erwachten und wurden von Moraska nach draußen geführt. Die Bewegungen von Nehrinas Besen wurden mit jeder Minute rhythmischer und schneller und als die Sonne den Himmel in die schönsten Farben hüllte und den neuen Morgen ankündigte summte sie bereits ein Lied und tanzte mit ihrem Besen über den Steinboden. Im Nu war sie fertig und eilte zu den Guars auf die Koppel. Fürsorglich begann sie die Guars zu pflegen und zu satteln. Jeden Morgen wurden die ausgewachsenen Tiere fertig gemacht, um sie potentiellen Käufern voll ausgestattet anbieten zu können. Sobald die Guars fertig waren, wurden sie vor dem Hof auf die Wiese gelassen, die an die Straße nach Vivec angrenzte. Dort stand bereits der Stallmeister und unterhielt sich mit einem uniformierten Mann. Dieser trug eine schillernde Rüstung und seiner Haltung nach zu urteilen war er sehr wichtig oder empfand sich zumindest so. Der makellose Brustharnisch ließ darauf schließen, dass er sie tatsächlich nur wegen des Auftritts trug und nicht um darin zu kämpfen. Nehrina hielt sich stumm im Schatten bei den Guars und beobachtete die Szenerie aus sicherer Entfernung. Neugierig stellte sie ihre Ohren auf, um zu lauschen. 

“… ich kann es nicht ändern und es gibt darüber auch keine Diskussionen.”, sagte der Fremde bestimmt. Die Soldaten der Stadtwache, die sich hinter ihm postiert hatten blickten teilnahmslos umher. Der Stallmeister verschränkte die Arme. “Ist das Euer letztes Wort?”, knurrte der Dunkelelf, der für seine Verhältnisse äußerst blass geworden war. Lediglich ein Nicken erntete er und als der Uniformierte sich abwand, überreichte einer der Soldaten der Stadtwache zögerlich einen Schrieb, wagte es jedoch nicht den Blick des Stallmeisters zu kreuzen. Die kleine Truppe marschierte ab. Verärgert zerknüllte der Stallmeister den Schrieb und spuckte aus. Leise fluchend wandte er sich um und sein Blick fiel auf Nehrina. “Spionierst du mir etwa nach?! Hast du deine Arbeit erledigt?” Nehrina hielt seinem Blick stand. “Diese ist fertig”, sagte sie nur und blickte den Stallmeister neugierig an. Er schloss die Augen und senkte den Kopf. Als er ihn wieder hob, war die Wut aus seinem Gesicht verschwunden. Er machte Anstalten etwas zu sagen, änderte im letzten Moment jedoch seine Meinung und ging ohne ein weiteres Wort an ihr vorbei. Nachdenklich sah Nehrina ihm nach. Plötzlich vernahm sie das aufgeregte Japsen eines Guars und wandt sich um. Die Reittiere waren zurückgewichen und versperrten nun die Straße. “Husch!” Nehrina ging auf sie zu und versuchte sie wieder zurück auf die Wiese zu treiben. Ihr Blick fiel auf die Fässer, die an der Hauswand standen. Dahinter war ein verdächtiger Schatten auszumachen. Langsam ging sie auf diesen zu, versuchte so lässig wie möglich dorthin zu schlendern. Ihr Besen, der direkt neben den Fässern an die Wand gelehnt war, nahm sie mit einer schnellen Bewegung in die Krallen und sprang dann über die Fässer hinweg “HA!”, schrie sie, den Besen wie einen Speer im Anschlag. Der Khajiit, der sich so klammheimlich versteckt hatte sah sie aus ruhigen Augen an und bewegte sich nicht. “Was willst du hier, willst du unsere Herde stehlen?” Nehrina stieß ihn mit ihrem Besenstiel an. Der Fremde wandte den Blick ab und sah über die Fässer hinweg, offenbar auf der Suche nach etwas. Schnell trat Nehrina gegen eines der Fässer und nahm den Deckel ab. Schützend hielt sie ihn vor sich und stieß den Khajiit erneut an. “Verschwinde!” Sie stieß etwas unsanfter zu, doch der dunkelfellige Khajiit ließ sich dadurch nicht beirren und hob schützend den Arm hoch. “Dieser will nichts von deiner Herde oder irgendetwas anderes von eurem Hof! Dieser ist nur auf der Durchreise”, sagte er mit einer tiefen Stimme. Seiner Sprache nach zu urteilen war er deutlich sprachgewandter als es ihm Nehrina zugestanden hätte. Er stand auf. “Mich haben lediglich die Wachen beunruhigt.” Nehrina ließ den Besen sinken. “Also ist er auf der Flucht?” Sie dachte kurz nach. “Ein Dieb?” Sie hob den Besen wieder. “Leg’ deinen Besen weg, verrückte Khajiit!” Der Fremde ging einen Schritt zurück. An seinem Gürtel war ein Messer befestigt, seine Kleidung war schmutzig. Die Mähne, die locker um sein Gesicht fiel, war jedoch gepflegt. Eine dunkle und lange Narbe zog sich über sein Gesicht. Er sah irgendwie abenteuerlich aus und dieser Gedanke ließ Nehrinas Herz höher schlagen. “Er ist ein Abenteuer!”, rief sie begeistert und staunend aus. Der Khajiit musterte sie und wägte seine Worte ab. “Ja… ja, ist dieser.” Nehrina ließ Deckel und Besen fallen und tänzelte unruhig von einem Fuß auf den anderen, während sie in die Hände klatschte. “Ein richtiger Abenteuer!” Ihre Ohren und Schweif zuckten unruhig. Aufgeregt wippte sie vor und zurück, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und betrachtete den Anderen. “Wie wird man Abenteurer?” Doch bevor der Khajiit antworten konnte, rief bereits ihr Vater von der Koppel herüber: “Nehrina!” Er trieb zwei der Guars, die noch auf der Straße standen zurück, dann erblickte er den fremden Khajiit und sie. “Was ist hier los?” Argwöhnisch stemmte er die Arme und die Hüfte und sah die beiden abwechselnd an. Nehrina, die ihre Aufregung kaum zurückhalten konnte, platzte förmlich damit heraus “Er ist ein Abenteurer, Vater! Er wollte dieser gerade erklären, wie sie auch einer werden kann.” Moraskas Augen verengten sich zu Schlitzen “Hat er, ja?” Er starrte bedrohlich zu dem Fremden, dem die Situation allmählich unangenehm wurde. Verteidigend hob er die Krallen. “Das ist ein Missverständnis, dieser hatte nie die Absicht irgendjemanden auszubilden oder dergleichen.” Ein dunkles Knurren drang aus Moraskas Kehle und er ging ein paar Schritte auf den Fremden zu. “Kommst du ihr noch einmal zu nahe, wird dieser dich in Stücke reißen.” Den Worten folgten gebleckte Zähne und der Fremde ging langsam um die Fässer herum. “Dieser wollte gerade sowieso gehen.”, sagte er nur und eilte die Straße entlang. Enttäuscht blieb Nehrina zurück, doch selbst der strenge Blick ihres Vaters konnte nicht die Begeisterung in ihr vertreiben. Sie hatte mit einem Abenteurer gesprochen! Das war bestimmt ein Zeichen der Monde. Eines Tages würde sie auch einmal einer werden. Doch was bedeutete es ein Abenteurer zu sein? Der Fremde hatte ihre Frage nicht beantworten können. Nehrina hoffte einfach, dass sie dann nicht dazu verdammt sein würde hinter Fässern herum zu kriechen.